Gitarrenschrammeln vor Baggerschrott
Gräfenhainichen - Die Jugend will von dieser tristen Gegend Ostdeutschlands nach dem Schulabschluss einfach nur weg.

Die Baggerstadt Ferropolis in Gräfenhainichen ist während des Melt!-Festivals aufwändig illuminiert. |
Doch am kommenden Wochenende reisen mehr als 25 000 junge Leute, vor allem aus Nordrhein-Westfalen und dem Ausland, zur Industriekulturstätte Ferropolis nahe Gräfenhainichen, gut 40 Kilometer nördlich von Leipzig.
Rund 120 Bands, Solomusiker und DJs versammeln sich in dem früheren Braunkohletagebau zwischen riesigen rostenden Baggern zu Europas größtem Indie- und Elektro-Festival Melt!.
Das Veranstaltungsgelände zählt zu den bedeutendsten Orten ostdeutscher Industriegeschichte. Der dazu gehörende Gremminer See wurde nach dem Dorf benannt, dessen 240 Einwohner samt Kirche und Friedhof vor 30 Jahren Braunkohlebaggern weichen mussten. Damals entstand das größte Kohletagebauwerk Deutschlands. Golpa-Nord ist wie viele andere Tagebaureviere im Osten nach dem Förderungsstopp geflutet worden und mittlerweile ein geschütztes Naherholungsgebiet.
In diesem Jahr soll es rund um das Biosphärenreservat noch ökologischer zugehen. Deshalb wird das Melt! auch künftig nicht mehr als 20 000 Besucher pro Tag haben. Ein Nachtzug bringt zudem Gäste aus Nordrhein-Westfalen bis vor den Eingang auf der Halbinsel. Dort haben sie dann die Qual der Wahl; etwa zwischen den schrillen Musik-Clowns von Bonaparte, den Trip-Hoppern Massive Attack, dem Mundakrobaten Jamie Lidell und den DJ-Brüdern Tiefschwarz.
Obwohl die Zahl der Festivals von Sommer zu Sommer wächst, sind die Melt!-Macher bei der 13. Auflage relativ gelassen. «Wir waren dieses Jahr noch früher ausverkauft als im Vorjahr und haben mehr Andrang verzeichnet», sagt Festivalsprecher Dirk Völler. Fast ein Drittel der Gäste komme aus England, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. «Das spektakuläre Gelände und die musikalische Zusammenstellung ragen im dichten Festivalkalender heraus.»
Nicht alles klappt wunschgemäß. Wie in den Vorjahren soll es laut Prognosen zum Auftakt kräftig regnen. Mit dem Zuwachs der Festivals ist laut Völler außerdem die Buchung von verfügbaren und bezahlbaren Bands schwieriger geworden. «Festivals sind kein Wunschkonzert, weil man sich mit vier Konkurrenten um einen Termin schlägt.»
Beim Melt! wurde auch Musikgeschichte geschrieben. Das Electropop-Duo Pet Shop Boys trat erstmals auf einem Festival hier auf. Die Britpop-Band Oasis gab hier ihr letztes Konzert, bevor sie später den Austritt von Noel Gallagher und das Ende der Gruppe verkündeten. Das Melt!, wo Musikgenres verschmelzen, ist für viele Künstler ein Sprungbrett, um auf dem deutschen Markt in der Masse bekanntzuwerden. Im vergangenen Jahr war es die US-Band Gossip.
Ein neuer Festivalkonkurrent in der Region ist das Highfield. Auch diese Party findet künftig in einem ehemaligen Tagebau statt. Am Störmthaler See, der im Leipziger Süden das DDR-Braunkohlerevier Espenhain mit Wasser bedeckt, wird vom 20. bis 22. August gerockt. Viele namhafte Musiker wie Placebo, Blink-182 und Fettes Brot sollen keine Konkurrenz zum Melt! sein. «Wir sind rockiger», sagt Alexandra Mierau von FKP Scorpio. Die Festival- und Konzertagentur komme dank guter Kontakte einfach an begehrte Bands.
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