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Lyrik und Jazz: Eine Abhör-Affäre mit Heinrich Heine


07.09.2006 14:09

Hamburg - Heinrich Heines Lyrik zu vertonen ist kein leichtes Unterfangen. Einige moderne Komponisten versuchten sich zwar an seinen Gedichten, das wahre Juwel in der Liste der Heine-Adaptionen ist jedoch die Studiosession «Heinrich Heine Lyrik und Jazz».


Lyrik und Jazz

"Heinrich Heine Lyrik und Jazz" rezitiert von Gert Westphal.

In den 60er Jahren gab es in Deutschland Ost und West einige Produktionen die Dichtung mit Musik - meist war es Jazz - verbanden. «Heinrich Heine Lyrik und Jazz», die kraftvollste dieser vielen Einspielungen, entstand durch die Initiative von «Jazzpapst» Joachim Ernst Berendt, der sich 1964 eine Art Star-Ensemble zusammengesucht hatte, das eine Zusammenstellung von Heine-Versen mit Jazz verbinden sollte. Vorgaben gab es dabei kaum.

Jazz-Gitarrist Attila Zoller bekam die musikalische Leitung des Quartetts aus hervorragenden Instrumentalisten der heimischen Szene: Peter Trunk, seinerzeit einer der besten Bassisten Europas, Emil Mangelsdorff, der kleine Bruder vom großen Albert an Flöte und Saxophon, und der im Stile von Elvin Jones drummende Klaus Weiss. Vorgetragen wird Heines Lyrik von dem damals noch jungen Gert Westphal, dem Grandseigneur der deutschen Vorleser.

Auf dem lange Zeit vergriffenem Kult-Album läuft der große Rezitator zu einmaliger Höchstform auf. Mal mit ungestümer Wortgewalt, mal fast tonlos flüsternd bringt er die Blausäure der Lyrik Heines zum fließen. Der 2002 in Zürich verstorbene Westphal rezitiert mit gewaltiger Leidenschaft und beweist, dass Text Musik sein kann, indem er sie zum schwingen bringt.

Hinter den dramatischen Ausführungen stehen die Skizzen des Attila-Zoller-Quartetts nicht zurück: Die Combo improvisiert fleißig, die Verse werden aufgenommen und weiter getragen, mit Zitaten aus Gospel und Blues versehen, klassische Motive (Schumann, Brahms) werden eingebunden, revolutionäre Lieder angespielt («Die Gedanken sind frei») und auch religiöse Fragmente fehlen nicht («Vom Himmel hoch»). Sprache und Musik verschmelzen ineinander, wie es selten gelingt.

Die Reime des zornigen Dichters aus dem 19. Jahrhundert haben nichts an Aktualität eingebüßt und verströmen immer noch «alle Gerüche dieser holden Erdenküche», der Unterschied zwischen 1800 und 2000 liegt nur im Datum.

Zum 150. Todestag von Heinrich Heine liegt dieser audiophile Schatz nun endlich wieder vor. Auch nach über 40 Jahren ist die einst mit glühendem Eifer geschaffene Kombination von Lyrik und Jazz ein intensives Hörerlebnis. Mehr als nur eine Alternative zum introvertierten Geplapper selbstverliebter Rapper.

 
 
Links zum Thema
Künstler-Informationen zu "Heinrich Heine"
Künstler-Informationen zu "Jazz"