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Pop als Kulturkampf: Madonna sang erstmals in Russland


13.09.2006 10:09

Moskau - Die Aufregung war groß, die Proteste lautstark. Doch dann ging das erste Konzert von US-Popdiva Madonna (48) in Russland ganz glatt über die Bühne. «24 Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet», rief die Entertainerin am Dienstagabend ihren 50 000 Fans im Fußballstadion Luschniki in Moskau zu.


Madonna

Pop-Ikone Madonna hat jetzt auch in Moskau die Gerte tanzen lassen.

Vergessen schienen Ängste, Sorgen und Drohungen der vergangenen Wochen: Die russische Mafia hatte mit der Entführung von Madonnas Kindern gedroht, der Konstrukteur des Stadiondaches vor einem Einsturz durch Schallwellen gewarnt - doch nichts dergleichen passierte. Die vorsichtige Mutter Madonna hatte Tochter Lourdes (9) und Sohn Rocco (6) gleich zu Hause gelassen, das Dach des durch zwei Einstürze leidgeprüften Architekten hielt den Basswellen stand.

Auch der Himmel strafte Madonnas umstrittene Show «Confessions» (Bekenntnisse) nicht mit zornigem Blitz und Donner, es war einer der wärmsten Abende seit langem in Moskau. Und es war nach den zahllosen Problemen und Protesten im Vorfeld eine gute, professionelle Show. «Come on, Russia! I want to see you jump!» (Auf, Russland, ich will dich tanzen sehen!) rief die Sängerin ihrem Publikum zu. Dann reihte sie Hit um Hit aneinander: «Ray Of Light», «Like A Virgin», «Spanish Lullaby» und «Erotica».

Madonnas Auftritt wirkte wie ein Gefecht in einem Kulturkampf, der die russische Gesellschaft spaltet. Im wiedererstarkten Russland halten viele die eigene Tradition hoch, man gibt sich patriotisch. Russische Rocker wie Wadim und Gleb Samoilow von der Band Agatha Christie bekennen sich zur Orthodoxie. Der Chefideologe des Kremls, Wladyslaw Surkow, hat Rockstars zur Kooperation für das Gemeinwohl aufgefordert, Weigerung zwecklos. Die Punkgruppe Leningrad darf ihre mit Mutterflüchen gespickten Texte nicht in Moskau singen.

In Russland kamen die Proteste gegen Madonna nicht nur religiös daher wie in anderen Ländern, sie hatten auch einen antiwestlichen Drall. «Hört auf, uns mit dem Abfall westlicher Popkultur zu füttern!», hieß es auf einem Flugblatt, das Demonstranten vor dem Stadion verteilten. «Wir haben uns in 15 Jahren daran überfressen.»

Dem anderen Teil des russischen Publikums ist der von oben geforderte Patriotismus egal. Er kann vom Westen nicht genug bekommen und hat lange auf Madonna gewartet, die «Verkörperung der Popkultur», wie die Zeitung «Kommersant» sie nennt. «Sie ist großartig, sie ist klasse!», jubelte die Moskauerin Swetlana Kulikowa (24) beim Konzert. «Wir wussten, dass sie kommen würde.» Demonstrativ spendenten die Madonna-Gläubigen der umstrittensten Szene den stärksten Beifall: «Live To Tell» sang die Diva mit Dornenkrone an einem glitzernden Kreuz hängend.

Die Sängerin wurde bei ihrem ersten Auftritt in Russland auch politisch. «Jetzt seid ihr frei und müsst das nutzen», sagte sie den Fans. «Ihr müsst selber denken, euch ausdrücken, eure Meinung sagen. Amerika gilt zwar als frei, aber dort sagt keiner seine Meinung.»

Dass der Superstar und das Moskauer Publikum einander beinahe verpasst hätten, war am Dienstagabend vergessen. Ein Tauziehen um Ort und Tag des Auftritts und ein kurzfristiger Ticketumtausch hatten das Konzert in Frage gestellt. «Sorry Madonna!», entschuldigte sich die Zeitschrift «Russki Newsweek» für «unbekannte Terroristen, idiotische Bürokraten, gierige Polizisten (...) und Chaos.» Fast wäre Moskaus junger Ruf als Popmetropole ruiniert gewesen.

Das «Material Girl» Madonna wird sich mit den Einnahmen trösten. Schließlich tanzten die Moskauer für 1500 Rubel (44 Euro) auf den Stehplätzen. Einfache Sitzplätze kosteten 4500 Rubel, eine halben Monatslohn. In wenigen Tagen wird Madonnas Welttournee «Confessions» in Japan als einträglichste Tour einer Popkünstlerin überhaupt zu Ende gehen.

 
 
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