Beim Grand Prix sind skurrile Typen gefragt09.05.2007 09:05 Hamburg - Vor 25 Jahren sang ein schüchternes Mädchen mit Föhnwelle und übergroßer Gitarre von ein bisschen Frieden und rührte Millionen Europäer zu Tränen. Mit ihrer sanften Ballade und einem minimalistischen Auftritt eroberte Nicole 1982 die europäische Schlagerkrone. Beim Eurovision Song Contest 2007 hätte sie ganz sicher keine Chance mehr. Im Meer der Skurrilitäten, des Schrägen und Abgefahrenen geht eine hausbackene Ballade einfach unter - und dazu braucht es nicht einmal gruselige Monstermasken.
Sicher haben sich die finnischen Monsterrocker Lordi mit ihrem Sieg im vergangenen Jahr sehr nachhaltig in die Annalen des Musikwettbewerbs eingetragen. Doch war das beileibe kein Skandal, sondern schlicht konsequent. Das einstmals Ernst genommene Schlagerfestival hat sich damit endgültig zu einer ironischen Unterhaltungsshow mit viel Pop, Trash und Action entwickelt. Kaum einer der 42 Teilnehmer, die sich im Halbfinale (10.5.) und Finale (12.5.) in Helsinki miteinander messen, verzichtet auf wilde Tanzeinlagen, herumwirbelnde Orchestermusiker oder wenigstens einen Backgroundchor. «Weniger ist mehr» ist ganz gewiss kein Motto des Song Contests. Nach dem Erfolg des krachenden «Hard Rock Hallelujah» über den seit der Jahrtausendwende dominierenden Ethno-Pop setzt in diesem Jahr gleich eine ganze Hand voll Länder auf rockige Rhythmen: Ob Andorra mit einer Art US-College-Rockband-Sound, die Isländer mit Meat-Loaf-Imitation oder Estland mit einer Frauenrocknummer. Wer aus der Masse herausstechen will, muss mehr bringen als Pop- Gedudel und das übliche halb nackte Fernsehballett. Auch ein kleiner Skandal schadet nicht. Den lieferte die israelische Truppe Teapacks mit ihrem politischen Song «Push The Button», in dem sie vor «verrückten Führern» warnt, die mit einem «Druck auf den Knopf» die Welt vernichten können. Eine Anspielung auf den Iran? Die Organisatoren des Wettbewerbs prüften eine Disqualifikation und verwarfen sie. Gut für den Wettbewerb, denn der englisch- französisch-hebräische Song ist eine hörenswerte Mischung aus Punk, Klezmer, Rock, Ska und Polka - und sehr unterhaltsam. Aufsehen erregte auch DJ Bobo mit seinem Song «Vampires Are Alive». Seine eher traditionelle Dance-Pop-Nummer in Vampirkostümen veranlasste immerhin 50 000 Schweizer zum schriftlichen Protest. Die christliche Partei EDU wollte mit ihrer Unterschriftenaktion den Song zurückziehen lassen, der Hölle und Teufel verniedliche. Comedy statt Chanson heißt diesmal das Motto der Franzosen: Les Fatals Picards geben sich ein bisschen wie die französischen Monty Pythons und besingen in Komikermanier die Liebe auf Französisch («L'Amour À La Francaise»). Wie Komiker wirken auch die sechs Letten von Bonaparti.lv, die mit «Questa Notte» und ihren Zylindern so etwas wie eine Parodie der Drei Tenöre liefern - oder meinen sie das etwa klassisch-ernst? Ganz sicher nicht ganz ernst nimmt sich die schwedische Band The Ark. In bester T.Rex-Manier mit viel Glitzer und Hosenschlag schmettern sie den Glam-Rock-Song «The Worrying Kind». Und ganz und gar schrill ist der dänische Transvestit DQ mit dem Song «Drama Queen» - aber leider nicht nur im Auftreten, sondern auch beim Gesang. Viele Grand-Prix-Experten meinen, dass am Ende nur diese gewisse Skurrilität, das Ungewöhnliche eine Chance hat - und diese Interpreten daher am Ende weit oben stehen könnten. Keine allzu guten Aussichten für den deutschen Kandidaten Roger Cicero. Sein Swing-Song «Frauen regier'n die Welt» ist zwar für deutsche Radiohörer durchaus erfrischend, doch was kann wohl der Rest Europas mit deutscher Musik anfangen, die ein bisschen nach Swinging Sixties klingt? Der 36-Jährige, der mit der Startnummer 16 ins Rennen geht, ist zwar zuversichtlich und glaubt an einen Platz in den Top Ten, doch droht nach Meinung eines britischen Grand-Prix- Experten möglicherweise sogar ein Desaster. Der Schriftsteller Tim Moore hat in seinem Buch «Null Punkte - ein bisschen Scheitern beim Eurovision Song Contest» die bittersten letzten Plätze des Grand Prix analysiert und meint, der deutsche «Mr. Swing» könnte bei null Punkten landen. Deutschland habe diesmal anscheinend alles daran gesetzt, die «Fernsehzuschauer in ganz Europa vorsätzlich zu befremden und zu verärgern», vermutet er. Noch dazu sei die deutsche Sprache beim Wettbewerb extrem unpopulär. Nur gut, dass Cicero schon angekündigt hat: «Ich werde die letzten beiden Strophen auf Englisch singen.» |
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