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Grand Prix: Ost-Solidarität oder Musikgeschmack?


13.05.2007 14:05

Helsinki - Ist es reine Solidarität oder einfach nur ein musikalisches Geschmacksgefälle? Die Länder Osteuropas haben den Eurovision Song Contest in diesem Jahr so machtvoll dominiert wie nie zuvor: Auf den ersten 16 Plätzen liegen - mit Ausnahme der Türkei und Griechenlands - nur Beiträge aus dem Osten des Kontinents.


Verka Serduchka

Nicht unbedingt in alter osteuropäischer Tradition, aber in Helsinki sehr erfolgreich: Verka Serduchka aus der Ukraine kam auf Platz 2.

Die Länder Nord- und Westeuropas müssen sich mit den hintersten Plätzen 17 bis 24 begnügen. Obwohl von Kritikern hoch gelobt und von der Grand-Prix-Gemeinde in Helsinki gefeiert, landete der deutsche Swing-Song «Frauen regier'n die Welt» von Roger Cicero nur auf Rang 19 - und bekam kaum Punkte aus dem Osten.

«Da muss sich etwas ändern, ich weiß nur noch nicht was», kommentierte die deutsche Stimme des Grand Prix, Peter Urban, die einseitige Punktevergabe. 19 der 21 abstimmenden Länder Osteuropas gaben einem ehemaligen sozialistischen Bruder die Höchstwertung. Der serbische Siegertitel «Molitva» (Gebet) von Marija Serifovic erhielt von allen ehemaligen jugoslawischen Republiken - Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Slowenien und Mazedonien - zwölf Punkte; allerdings stimmten auch viele westliche Länder für die Ballade.

«Warum machen wir da überhaupt noch mit?», fragte die «Bild am Sonntag». «Peinliche Punkteschieberei - und wir bezahlen», schimpfte das Blatt und zitierte als Kronzeugen Grand-Prix-Vorentscheidungskandidat Heinz Rudolf Kunze: «Da gibt es Seilschaften.»

Doch dass die Punktevergabe ein reiner Freundschaftsdienst ist oder dahinter gar politische Motive stecken, ist schlicht Quatsch, wie der Hannoveraner Experte Irving Wolther betont, der in seiner Promotion die kulturelle Bedeutung des Grand Prix untersucht hat. «Da geht es um kulturelle Zugehörigkeit und gemeinsamen Musikgeschmack. Viele osteuropäische Interpreten sind auch in den Nachbarländern sehr bekannt, haben dort sehr viele Fans.» Den Menschen auf dem Balkan sei eben Musik aus anderen Balkanländern näher als Klänge aus Deutschland. Cicero habe ja auch die meisten Punkte von den deutschsprachigen Nachbarn Österreich und Schweiz bekommen.

Bei aller Enttäuschung über die schlechte Platzierung von Cicero sehen das viele deutsche Fans ähnlich. Die Jury-Entscheidungen früherer Jahre seien doch viel politischer gewesen, meint Wolfgang Gruber, Pressesprecher des größten deutschen Fan-Clubs OGAE. «Heute geht es doch nur darum, ob man mit der Musik eines Künstlers etwas anfangen kann.» Doch viele Hardcore-Fans, die zu jedem Grand Prix ins Ausland reisen, befürchten, dass diese Einseitigkeit viele andere Zuschauer abschrecken könnte.

Das macht auch dem Veranstalter, der European Broadcasting Union (EBU), Sorgen. Sie bündelt die Interessen von TV-Anstalten aus 54 Ländern und hat Angst, dass die westeuropäischen Länder - die größten Geldgeber der EBU - vom Eurovisions-Zug abspringen könnten. Ein neuer Modus muss her: In zwei Jahren soll es zwei Halbfinals geben, damit die Stimmabgabe etwas entzerrt wird. Ob im Finale weiterhin alle Länder abstimmen dürfen oder nur die qualifizierten Nationen, ist noch offen. Dieses Jahr hatten 42 Länder am gesamten Contest teilgenommen - ein Rekord. Nachhaltig könne man die Abstimmung aber wohl nur beeinflussen, wenn das Tele-Voting eingeschränkt würde, zum Beispiel durch eine Jury, die mit abstimmt, meint Wolther. «Aber ob das Ergebnis dann besser oder gerechter wäre, bezweifle ich.»

Ein bisschen ist der Westen aber auch selbst schuld an der Eurovisions-Misere. Zu häufig schicken die westlichen Musikmacher einfallslosen Mainstream-Pop in den Wettbewerb, in dem die Ost-Kollegen mit krachenden Ethno-Nummern oder Hymnen mit Techno-Beats das Besondere wagen.

Immerhin ist das alte Vorurteil vom Tisch, man könne nur mit einer Feuerwerks-Show oder viel nackter Haut gewinnen. Die serbische Siegerin verzichtete auf jegliche Showeffekte. Nur mit der Kraft ihrer wuchtigen Stimme überzeugte die burschikose Frau im schwarzen Herrenanzug, die ihr bubenhaftes Gesicht hinter einer dick umrandeten Brille versteckt, die Zuschauer. «Ich hoffe, das hat Einfluss auf den nächsten Contest. Ich mag es, Musik zu hören, nicht sie anzuschauen. Ich hoffe, der nächste Grand Prix in Belgrad wird ein Lieder- Wettbewerb und kein Show-Contest», sagte die 22-jährige Serifovic. Ob das so kommt? Immerhin liegen auf den Plätzen zwei bis sieben ausnahmslos Beiträge, die auf viele Showeffekte setzten.

 
 
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