Tocotronic mit «Kapitulation» auf Festivaltour12.07.2007 18:07 Hamburg - Die Band Tocotronic legt ihr achtes Album vor. Das trägt den Titel «Kapitulation» und ist nicht weniger als eine sehr gute Platte. Vehementer und gelassener als je zuvor ziehen sich die vier Musiker in ihr eigenes Pop- und Lyrik-System zurück.
Wer in Tocotronic noch immer Blaupausen für einen rebellischen Indiepop-Stil wähnt, muss nun aufgeben. Wer ein ausgezeichnetes deutschsprachiges Pop-Album hören möchte, wird begeistert sein. Seit Jahren zählen Tocotronic zu den meistbeachteten deutschsprachigen Bands und die Geschichte der Band dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Im kurzen Abriss klingt die in etwa so: Vor vierzehn Jahren begegneten sich Sänger Dirk von Lowtzow, Schlagzeuger Arne Zank und Bassist Jan Müller an der Hamburger Uni und gründeten eine Band. Mit einfachsten Mitteln nahm das Trio rumpelige Songs voller Anti-Statements auf. Das Publikum war begeistert und Tocotronic avancierten nicht nur zu einer der populärsten Indie-Bands und zum zugkräftigsten Act des Hamburger Labels L'Age D'Or, sonderen auch zu Pop-Ikonen, deren Erscheinungsbild zur Blaupause für eine neue urbane Indie-Uniform wurde. Auf ihrem Erfolg haben sich Tocotronic niemals ausgeruht. Im Gegenteil: Auf den massiven Zuspruch seitens ihrer Fans und der Medien reagierte die Band immer wieder mit der eigenen Neuerfindung. Zur Veröffentlichung der Platte K.O.O.K. fiel die Trainingsjacken-Uniform, auf ihrem selbstbetitelten Album, das landläufig als «Das weiße Album» gehandelt wird, durchbrachen Tocotronic schließlich die Grenze zum glamourösen Pop-Entwurf, während sie auf der letzten Platte «Pure Vernunft darf niemals siegen» sogar Genres wie Blues und Country einfließen ließen und das Line-up offiziell um den Tour-Gitarristen Rick McPhail erweiterten. Tocotronic haben in den letzten anderthalb Jahrzehnten mit Sicherheit deutschsprachiger Musik jenseits von Schlager und HipHop maßgeblich den Weg geebnet. Von einigen der Bands, die sich auf Tocotronic als wichtigen Einfluss und Inspirationsquelle berufen, ist die Hamburg-Berliner Band in kommerzieller Hinsicht längst überholt worden. Betrachtet man aber die Ideen hinter der Musik und deren Inszenierung, tun sich Welten auf zwischen Vorbildern und erfolgreichen Bewunderern. Die gefragtesten Zutaten modernen Deutschrocks - die herzblütig stolpernde Tagebuch-Lyrik, die auf Biegen und Brechen authentisch sein wollende Pose, die alles und jeden irgendwie doch gern habende Philanthropie - glänzen auf «Kapitulation» durch Abwesenheit. Augenfälliger als das Titelstück «Kapitulation» und die erste Single-Auskopplung, das rockige, fast an die frühen Stücke der Band erinnernde «Sag alles ab», nimmt sich das im Zentrum des Albums platzierte «Harmonie ist eine Strategie» aus. Das ruhige Stück scheint nicht nur das musikalisch gefällige Wesen der Platte im Titel in Worte zu fassen, sondern auch mindestens zwei der greifbaren Konstanten zusammenzufassen, die sich in Tocotronics jüngerem Werk seit dem weißen Album ausmachen lassen: Zum einen spricht aus dem Songs die Skepsis gegenüber dem Einverstandensein, die sich immer wieder in Tocotronic-Stücken findet. Zum anderen greift Dirk vom Lowtzow in seinem Text wieder sowohl auf die bewährte Naturromantik zurück als auch auf den Trick, den musikalischen Wohlklang bestimmter Wörter gegen deren tatsächlichen Inhalt auszuspielen. Harmonie spielt eine gewichtige Rolle in den sorgfältigen Arrangements, denen nicht zuletzt Rick McPhails Gitarrenspiel großes Format verleiht. In eine anschmiegsame, unkomplizierte Pop-Band haben sich Tocotronic dennoch nicht verwandelt. Unter der überraschend vehementen Melodieseligkeit und Dirk von Lowtzows immer angenehmer werdenden Stimme finden sich Zweifel und Befremdung, Zorn und der Unwille, sich zu arrangieren mit dem Gängigen, den Umständen, dem, wie es eben ist. Die Probleme und deren Lösungen knallen Tocotronic ihren Hörern nicht im handlichen Slogan-Format vor den Latz, sondern laden einen ein in eine Welt voller ungenauer Umrisse und zahlreicher Weg-Gabelungen. Welchen Weg durch Tocotronics Poesie der Hörer wählen mag, oder ob er sich einfach im tocotronischen Märchenwald niederlässt und einfach nur zuhört ohne entschlüsseln zu wollen, bleibt ihm ohnehin selbst überlassen.
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