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Grand Prix - Hoffnung für Russlands Homosexuelle


09.05.2009 14:05

Moskau - Für Russlands Schwule und Lesben ist der erste Eurovision Song Contest (ESC) in diesen Tagen in Moskau ein echter Hoffnungsschimmer. «Wir setzen auf die Kraft der internationalen schwul-lesbischen Fangemeinde», sagt der Chef von Russlands Homosexuellen-Verband, Nikolai Alexejew (31).


Der Chef von Russlands Homosexuellen-Verband Nikolai Alexejew

Der Chef von Russlands Homosexuellen-Verband Nikolai Alexejew hofft durch den Grand Prix auf mehr Anerkennung für Schwule und Lesben.

Nach Jahren der Verbote von Gay-Paraden und Demonstrationen, bei denen sich in Moskau auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck schon eine blutige Nase holte, will Alexejew am Tag des ESC-Finales am 16. Mai rund 5000 Menschen auf die Straße bringen. Das Ziel: Werben um Toleranz und für ein Recht auf ein normales Leben. Doch Stadt und Polizei verbieten «zum Schutz der Moral jede Form von Homosexuellen-Propaganda».

«Wann, wenn nicht jetzt, zum ESC, sollen wir auf unsere schlimme Lage aufmerksam machen, auf Ausgrenzung, Behördenwillkür und Gewalt», sagt Alexejew. Der Jurist wirft Moskaus 72 Jahre altem Bürgermeister Juri Luschkow vor, seit Jahren das auch in der russischen Verfassung garantierte Recht auf Versammlungsfreiheit zu missachten. Deshalb hofft sein Verband auf ein Machtwort von Kremlchef Dmitri Medwedew, der für eine liberalere Linie steht. Auch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg klage die Schwulenbewegung gegen die bislang 155 Demonstrationsverbote.

«Immer mehr Länder lassen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu und achten die Menschenrechte von Schwulen und Lesben, nur in Russland tut sich nichts», klagt der Aktivist. Da sei es gut, wenn etwa der für Deutschland beim Grand Prix antretende Oscar Loya vom Duo Alex swings Oscar Sings seine Beziehung zu einem Mann öffentlich mache. «Wir brauchen solche Vorbilder - und Leute, die mit uns auf die Straße gehen.» Traditionell lockt der ESC massenhaft die schwul-lesbische Fangemeinde an, ohne die das Spektakel weniger bunt, schrill und einfach nicht Kult wäre, heißt es.

Doch von offizieller ESC-Seite fehle es an Unterstützung, kritisiert Alexejew. «Man wirft uns vor, wir wollten das Ereignis für unsere Zwecke missbrauchen.» Der Grand Prix sei ein Ereignis für eine große Gemeinde von Fans, die «unterschiedliche Hintergründe» haben, und von denen jeder willkommen sei, meint ESC-Sprecher Sietse Bakker. Alexejew wirft den Organisatoren vor, die «schwulenfeindlichen Aussagen» des Bürgermeisters unwidersprochen zu lassen. «Luschkow regiert die Stadt seit 17 Jahren wie ein Zar. Wenn er uns als "abartig" beschimpft, schürt er Intoleranz und ruft zur Gewalt auf.»

Alexejew kritisiert, dass etwa die Übergriffe auf den deutschen Politiker Beck und andere im Jahr 2007 bis heute nicht geahndet seien, «obwohl es sogar Fernsehaufnahmen von den Taten gibt». Ein Grundproblem in Russland seien die «Gleichgültigkeit und Feigheit», auch vieler Schwuler. «Bei uns ist das halbe Showbusiness homosexuell, aber keiner kämpft für die Rechte, weil alle um ihre Popularität und ihr Einkommen fürchten.» Ähnlich sei die Zurückhaltung seitens der Szene-Clubs. «Die Betreiber haben Angst, dass ihre Etablissements aus vorgeschobenen Brandschutz- oder Hygienegründen dicht gemacht werden.» Wer jedoch nicht auffalle, riskiere auch weniger.

Offen schwules Leben auf der Straße provoziert in der Regel nicht nur Prügelattacken von Rechtsextremen und religiösen Fanatikern. Auch der Durchschnittsrusse kann einem öffentlichen Kampf für die Rechte der sexuellen Minderheit nichts abgewinnen. Als gesellschaftliches Schwergewicht im Kampf gegen den angeblich westlichen Lebensstil gilt vor allem die russisch-orthodoxe Kirche.

Russlands Homosexuelle fordern vor allem einen polizeilichen Schutz vor Übergriffen. Wie viele, hofft auch Alexejew hier auf einen baldigen Sinneswandel. Der Eurovision Song Contest in Europas größter Stadt gebe den Russen die Chance, sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetzen. «Ich hoffe, dass man sich hier als Schwuler einmal so frei fühlen kann wie in Berlin oder London. Ich glaube, dass das nur eine Frage der Zeit ist.»

 
 
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