Rocker-Festivals brauchen keine Dinosaurier07.06.2009 21:06 Nürburg/Nürnberg - Im Matsch sitzen und sich entspannt zur Musik wiegen, Rumknutschen zwischen rostigen Grills und leeren Ravioli-Dosen, und zum Frühstück erst Mal ein Bier: Die wichtigsten Bestandteile für ein echtes Rock-Festival-Gefühl dürften schon seit Jahren ziemlich ähnlich aussehen. Mit ihren legendären Vorgängern wie Woodstock haben die gigantischen Dauer-Partys von heute zwar nicht mehr viel zu tun, aber heiß geliebt sind sie immer noch. «Wir haben keine Nachwuchssorgen», sagt Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der an diesem Wochenende wieder Deutschlands größtes Open-Air-Doppelfestival «Rock am Ring» in der Eifel und «Rock im Park» in Nürnberg über die Bühne gebracht hat. Allerdings waren dafür in den vergangenen Jahren auch einige Veränderungen nötig, gibt er zu. «Die Leute sind heute wesentlich jünger als früher. Ein Großteil der Zuschauer ist zwischen 16 und 22 Jahre alt. Wir beschreiten seit Jahren einen Weg der Modernisierung. Wir sind davon abgekommen, weitgehend Rock-Dinosaurier zu präsentieren.» Den mehr als 142 000 Besuchern, die das Doppelfestival in diesem Jahr wieder zählte, scheint das zu gefallen. Zur Musik von rund 90 Bands konnten sie tanzen, grölen und fröhlich feiern. Neuere Gesichter wie The Killers waren dabei, aber auch Altgediente wie Marilyn Manson, Limp Bizkit oder The Prodigy. Friedlicher seien die oft ausgelassenen Riesen-Partys geworden, meint Lieberberg, der «Rock am Ring» Mitte der 1980er Jahre ins Leben rief und später Nürnberg mit dazu nahm. Das liegt seiner Meinung auch daran, dass Musik-Festivals heute gesellschaftlich anerkannter sind und nicht mehr unbedingt für Revolution stehen. Aber was gehört für einen Festivalbesucher von heute zum gelungenen Rocken dazu? Der 26 Jahre alte Michael Kneitinger war drei Tage lang bei «Rock im Park» unterwegs und schlägt vor: «Ich habe nicht geduscht. Vier Tage Stinken gehört zum Festival dazu.» Und natürlich der Alkohol. «Ehrlich gesagt komme ich nie wegen der Musik, sondern nur zum Saufen.» Zwar gibt es im Park oft schon Bier zum Frühstück - nach Ansicht von Sanitätern darf man deshalb aber nicht das ganze Fest verteufeln. In diesem Jahr waren die Unfall- und Kriminalitätszahlen an beiden Orten niedriger als zuvor. Andreas S. (26) aus dem Allgäu ist zum ersten Mal im Park und findet das «irre Gemeinschaftsgefühl» besonders toll. «Dabei spielt keine Rolle, ob du Punk bist oder keine Haare hast.» Der Zustand der Zeltplätze auf den Festival-Geländen würde weniger Abgehärtete vermutlich in Schockzustände versetzen. Aber eben auch das gehört dazu. Der 21 Jahre alte Jochen Geißler sitzt in Nürnberg in seinem vom Regen durchnässten Zelt, rundherum Berge von Müll. An Schlaf ist kaum zu denken, ständig spielt irgendwo eine Musikanlage. «Klar ist es dreckig und laut», sagt der Münchner. «Aber dafür haben wir Stimmung.» Wer es etwas geordneter mag, kann seine Behausung für 25 Euro Aufpreis auf einem zentral gelegenen, ruhigeren «Luxusplatz» aufschlagen. Für «Rock im Park» scheint vielen Besuchern nichts zu teuer. Geißler schätzt: «Neben den 135 Euro für das Ticket und 100 Euro für mitgebrachte Verpflegung habe ich circa 200 Euro ausgegeben.» Viele sagen aber auch, dass sie monatelang für das Festival sparen, es ist der Höhepunkt ihres Jahres. Mehr Informationen über den eigenen Alkohol-Pegel gibt es bei sogenannten Alkomat-Patrouillen. Sie laufen mit einem Prüfgerät auf dem Gelände herum, für 2,90 Euro dürfen die Besucher einmal pusten. Viele sind dann schon geschockt, wie viele Promille sie haben, und trinken erst mal nichts mehr, sagt Test-Mitarbeiter Andreas Ernst. «Aber die Leute passen zum Glück aufeinander auf und kümmern sich, wenn einer nicht mehr stehen kann.» Lieberberg jedenfalls ist von der Zukunft der Rock-Partys überzeugt. «Wir leiden heute nicht mehr unter Vorurteilen oder einer Verteufelung, wie es in den 70er Jahren noch war. Wir fühlen uns willkommen und sind ein ganz klarer Bestandteil der Kultur.» |
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