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Erst der Kinofilm machte Woodstock historisch


14.08.2009 11:08

Hamburg - Sein Auftritt beim legendären Woodstock-Festival vor 40 Jahren machte ihn über Nacht weltberühmt. Alvin Lee, Bandleader der britischen Band Ten Years After, galt nach seinem Hochgeschwindigkeitssolo «I'm Going Home» als der weltweit schnellste Gitarrist.


Alvin Lee

Der englische Gitarrist Alvin Lee bei einem Auftritt in Lurzern, Schweiz (Foto vom 26.06.2004).

Verewigt ist seine Solo auf dem Woodstock-Soundtrack und dem Oscar-prämierten Kinofilm, der bis heute der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten ist. Sogar Jimi Hendrix, der damalige Top-Act, lobte den Auftritt als den besten des Festivals und sprach vom Maestro Alvin Lee.

Den privat eher zurückhaltende Woodstock-Rocker Lee verbanden mit dem 2001 verstorbenen George Harrison eine jahrzehntelange Freundschaft und eine musikalische Zusammenarbeit, die auch dadurch erleichtert wurde, dass sie in London direkte Hausnachbarn waren. Der 64-jährige Lee lebt seit längerer Zeit an der Costa del Sol. Zum 40. Jahrestag von Woodstock gab er der Deutschen Presse-Agentur dpa eines seiner seltenen Interviews.

Mr. Lee, haben Sie damals, als Sie auf der Bühne von Woodstock standen, das Gefühl gehabt, dass nun Geschichte geschrieben wird?

Lee: «Nein, überhaupt nicht. Wir spielten im Sommer '69 eine Reihe von Festivals. Ehrlich gesagt, war es für uns zunächst eines von vielen, auch wenn uns bei der Ankunft gleich klar wurde, dass es zahlenmäßig ein sehr, sehr großes war. Der Protest gegen Vietnam war bei der amerikanischen Jugend auch schon vor Woodstock da. Gegen diesen sinnlosen Krieg waren von den Jüngeren praktisch alle. Die meisten Bands hatten aber keine politische Botschaft, sondern wollten einfach nur ihre Musik 'rüberbringen und dafür sorgen, dass die Leute Freude und Spaß haben. Es änderte sich nach dem Woodstock-Festival auch ein Jahr lang gar nichts. Erst als der Film 1970 rauskam, wurde es zu diesem Riesen-Event, wurde es zu dem Inbegriff der "Love and Peace-Generation", die die Welt verändern wollte. Das hat die Regierenden in Amerika schon beunruhigt. Dass Woodstock aber in die Geschichte eingehen würde, ahnte von den Musikern 1969 sicherlich niemand. Woodstock war ein Unfall, ein wunderbarer Unfall.»

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Festival und Ihrem Auftritt?

Lee: «Weil die Straßen dicht waren, wurden wir mit dem Hubschrauber eingeflogen. Das war schon was Besonderes. Man konnte sich aus dem offenen Helikopter herauslehnen, was ich, da ich angeschnallt war, machte. Es war ein sagenhaftes Bild, auf diese Menschenmassen herunterzublicken. Daran kann ich mich gut erinnern und an das Gewitter, das die Bühne hinwegzufegen drohte. Wir kamen mittags um halb zwei an und sollten ursprünglich kurz darauf auch spielen. Doch nach dem Auftritt von Joe Cocker begann dieser fürchterliche Sturm. Alles verschob sich um Stunden nach hinten. Wir kamen erst um neun abends auf die Bühne. Die Disziplin der 500 000 Leute war schon bemerkenswert. Sie ertrugen das alles stoisch, konnten nirgendwo Schutz suchen. Das hatte schon etwas sehr friedliches, harmonisches. Ich erinnere mich auch daran, dass mir als damaligem Raucher die Zigaretten ausgegangen waren während der Warterei. Ich ging einfach ins Publikum, die mir dann Joints anboten. Schließlich machte ich noch einen kleinen Spaziergang um den See, bevor es auf die Bühne ging. An den Auftritt selbst habe ich aber bezeichnenderweise keine konkreten Erinnerungen mehr. Ich sah das dann erst ein Jahr später im Film überdimensional, überlebensgroß.»

Von den über 30 Woodstock-Bands schaffte es nur ein Teil auf den Soundtrack und in den Film. Selbst Janis Joplin tauchte in dem Film von 1970 musikalisch nicht auf. Die damalige US-Superband Greatful Dead ärgerte sich noch nach Jahren, dass sie gerade in Woodstock einen mäßigen Auftritt hinlegte und daher nicht 'reinkam. Sind Sie mit Ihrem Auftritt zufrieden gewesen und wie er im Film rüberkommt?

Lee. «Zunächst einmal bin ich mittlerweile ziemlich stolz darauf, dass ich in Woodstock dabei war und ein Teil davon wurde. Meinen Part in dem Kinofilm zu bewerten, ist für mich nicht einfach. Ich bin jedenfalls froh, dass es musikalisch gut gelaufen ist. Ich hätte auch einen schlechten Tag haben können. Hinter den Kulissen ging es später aber schon ziemlich ab. In Hollywood traf ich in der letzten Produktionsphase von Woodstock den Regisseur Michael Wadleigh, der mich einlud, einige Szenen vorab anzuschauen. Dann erfuhr ich, dass die Bosse der Filmgesellschaft meinten, der Film müsse 'runtergekürzt werden, auch die Darbietungen der Bands, die reinkommen sollten. Er sei zu lang und würde daher weniger Leute ins Kino locken, so die Begründung. Ich wies meinen Manager an, denen klarzumachen, dass das für mich überhaupt nicht infrage käme. Die Absicht war, zusammen mit den anderen Bands schriftlich zu drohen, dass sie - im Falle einer Kürzung keinen der Songs verwenden dürften. Diese Idee zeigte eine tolle Solidarität, schlussendlich waren aber wir die einzige Band, die das Schreiben wirklich schickte! Wir bekamen dann Nachricht von den Filmleuten, dass wir unter diesen Umständen eben draußen bleiben würden. Es stand auf Messers Schneide. Letztlich gaben sie aber nach, und somit kam ich mit meiner ehemaligen Band Ten Years After und meinem Song "Im Going Home" dann glücklicherweise doch noch ungekürzt in den Film.»

Die Filmbosse lagen daneben. Woodstock wurde ein riesiger Kassenschlager, gewann einen Oscar, der Soundtrack kam nicht nur in den USA auf Platz 1 der LP-Charts. Was änderte sich für Sie, nachdem der Film weltweit in die Kinos kam?

Lee: «Wir führten bis 1970 ein überschaubares Band-Leben. In Amerika spielten wir bis dahin in Hallen mit 1500 bis 2000 Zuhörern. Als der Film 'rauskam, überrollte uns der Erfolg, es konnte einem wirklich schwindelig werden. Plötzlich traten wir im Madison Square Garden, in Eishockey-Arenen und Stadien auf - mit Zehntausenden, die uns sehen wollten. Der Druck nahm gewaltig zu; monatelange Touren in allen Teilen der Welt, immer weiter. Mir hatte dieses sogenannte Superstar-Dasein nie gefallen.»

Wie lebt es sich jetzt?

Lee: «Ich bin glücklich. Ich suche mir das ein oder andere Konzert oder Festival-Angebot aus, spiele vielleicht zehnmal im Jahr. Mir ist das Reisen zu lästig geworden, ich brauche und will diesen ganzen Stress nicht mehr, schon gar nicht Konzerttouren mit zwanzig Auftritten hintereinander. Vor vier Wochen habe ich ein tolles Festival auf Korsika gespielt. Ich trat umsonst auf, aber für das Reisen wurde ich gut bezahlt. Anfang September steht dann ein Festival in Genf auf dem Programm. Ich bin, wie gesagt, glücklich.»

Interview: Ignaz Lozo

 
 
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Künstler-Informationen zu "Woodstock"