Snow Patrol: «Das machen, was gerade unpopulär ist»23.11.2009 11:11 London - Die Rockgruppe Snow Patrol ist eine echte Band. Sie hat sich in den vergangenen 15 Jahren von einer Studentenband zu einem angesagten Live-Act hochgespielt. Das nordirisch-schottische Quintett blickt mit der Best-of-DVD «Up To Now» zurück auf Aussetzer vor zehntausenden Zuschauern, die zweite Chance und Aufnahmen in den Hansa-Studios in Berlin. In einem Interview der Deutschen Presse- Agentur dpa in London sprach Frontmann Gary Lightbody (33) über die Reise der Band, die sich als Familie sieht. Wie geht es Ihrer Familie? Lightbody: «Bitte? Meiner Familie? Denen geht es gut. Im Grunde gibt es nur mich, Mama und Papa. Wir sind eigentlich eine richtig große irische Familie. Sie lebt aber in Derry, im Norden Nordirlands. Ich lebe weiter unten. Wir sind dort nur ein kleiner Teil der Familie. Wie geht es Ihrer Familie?» Ausgezeichnet, danke. Sie sind alle wohlauf. Eigentlich dachte ich mehr an Ihre Bankkollegen... Lightbody: «Meine Familie! Ja, oh ja, Entschuldigung! Meine andere Familie, die ich jeden Tag sehe, der geht es großartig. Sie ist so ein wunderbarer Bund von Brüdern. Ohne sie könnte ich sicher nicht leben.» Wie verbinden Sie die beiden Familien miteinander? Lightbody: «Entweder es klappt natürlich, ohne dass man jeden wie ein rohes Ei behandelt. Oder es klappt nicht. Sehr viele Bands, die nicht miteinander klar kommen, nutzen mehr ihrer Zeit mit der Aussöhnung als mit Musik. Wir streiten uns nicht, zumindest nicht ernsthaft. Wenn einer brüllt, endet das in Gelächter. Erst brüllen alle herum und dann wird sich über den lustig gemacht, der damit anfing, so dass er merkt, dass er der Idiot ist.» Was muss passieren, damit die Band Teil der Familie wird? Lightbody: «Man muss eine Menge Meinungsverschiedenheiten durchlebt und eine ziemlich beschissene Zeit damit gehabt haben, um am anderen Ende freudestrahlend anzukommen und festzustellen, dass Dir der Rücken gestärkt wurde. Wer so was hinter sich hat, vertraut diesen Menschen blind. Ich hoffe, keiner wird mich fragen, aber ich würde mich für jeden opfern. Und sie würden dasselbe tun.» Was war die treibende Kraft in den vergangenen 15 Jahren? Lightbody: «In den ersten zehn Jahren haben wir nicht viel gemacht. Wir waren auf Unterstützung unserer eigentlichen Familien und auf Teilzeit-Jobs in Bars angewiesen. Aber wir hielten die ganze Zeit an diesem Traum fest, eine Vollzeit-Band zu werden. Wir waren wild entschlossen und angriffslustig. Die ersten drei Jahre waren unsere Familien unsere einzigen Fans. Sie mochten oder liebten sogar unsere Musik, aber fragten dann auch irgendwann, warum wir es nicht einfach dabei belassen. Derselben Bewertung stimmte die gesamte Musikindustrie zu, die ihre Augenbraue hochzog, als Jim Chandler von Polydor uns unter Vertrag nahm. Die hörten doch nur Snow Patrol und dachten sich "Pfff, Independent-Dreck".» Warum wollte Polydor diesen «Dreck» haben? Lightbody: «Jim vergaß den Müll. Er fand unsere Songs großartig und wollte ein Album mit uns aufnehmen. Damit hatten wir ein weiteres Familienmitglied. Das findet man nicht oft bei großen Plattenfirmen, den Glauben an Musik. Viele denken nur an den Profit, gerade jetzt, wo es mit jedem Tag immer beängstigender wird. Andere Plattenfirmen greifen in das Leben ihrer Künstler ein, wollen ihre Musik ändern und albern mit der Kleidung herum. Das ist wiederum das Tolle an unserer Familie. Es dauerte eine Weile, bis die richtigen Leute zur richtigen Zeit durch Anziehungskraft zusammentreffen sollten.» Ist es einfacher, Lieder mit Bandkollegen oder Familienmitgliedern aufzunehmen? Lightbody: «Keine einfache Frage. Es macht mehr Spaß mit Deinen Brüdern. Bei den Aufnahmen zu «Eyes Open» und «A Hundred Million Suns» haben wir die meiste Zeit nur gelacht. Wenn es darum geht, die Grundelemente für die neue Platte einzuspielen, muss man das Lachen aber beiseite packen. Das ist echt ein Problem. Wir sind manchmal nicht konzentriert genug, wir bespaßen uns gegenseitig zu viel. Es ist großartig, wenn man das tut, was man liebt; wenn man das Hobby zum Beruf macht, das nehmen wir nicht als gegeben hin. Vielleicht genießen wir diese Arbeit deshalb so sehr.» Das war anfangs anders, als die Band noch Shrug hieß und die erste Platte «Yoghurt vs. Yoghurt Debate» erschien. Was war das? Lightbody: «Ein schrecklicher Name für eine Band. Wer will, dass sich jemand für das, was man tut, interessiert, sollte es nicht nach etwas benennen, was einen selbst nicht interessiert. Shrug begann 1994 und wurde 1997 Polarbear. Das war eher amerikanische Musik. Wir spielten nicht die Musik aus unserer Heimat. Wir machten Musik aus diesem fernen Märchenland. Wir sahen die USA als den Heiligen Gral, weil britische Musik außer Oasis und Supergrass irgendwie düster und trist war. Vieles davon hatte uns nicht gereizt. Aber wir waren nur ein paar beschissene Jungs aus Belfast. Was wollten wir? Amerikanische Colleges rocken? Die ersten beiden Alben waren nicht wirklich ehrlich, so wie wir es jetzt sind.» Warum haben Sie den Bandnamen zweimal gewechselt? Lightbody: «Shrug mussten wir fallen lassen, weil es den Namen schon gab. Unser Gründungsbassist Mark McClelland kam auf Polarbear und ich mochte diese Zweiteilung eines großen, kuscheligen Felltiers, das Dein verdammtes Gesicht abzieht. Dann hörten wir von einem Anwalt, das es eine Band mit dem Namen schon in den USA gibt. Der Namenswechsel dann war Zufall. Jemand nannte uns fälschlicherweise Snow Patrol, eine Woche bevor uns der Anwalt schrieb.» Ihre Stimme ist recht markant und hat solch einen Whiskey-Belag. Was haben Sie getan, um diese Stimme zu trainieren? Lightbody: «Auf den ersten beiden Alben hatte ich überhaupt keinen Stimmumfang, weil ich nicht wusste, wie man richtig singt. Ich hatte nie Stimmtraining. Selbst auf "Final Straw" 2003 schlug ich mich wacker, etwa in "Run", konnte aber selbst hören, wie schwer es mir fiel. Ich sang den Song immer und immer wieder - und dann war die Stimme weg. Wir hatten auch viel Stress mit der Welttour, und ich hatte kein Aufwärmtraining gemacht. Dann hab ich Stimmtraining genommen und Übungstipps bekommen, die ich seitdem jeden Tag mache, zumindest an jedem Tag mit einem Auftritt. Das steigerte den Umfang und die Kraft meiner Stimme.» Sie machen seit 15 Jahren Musik. Werden Sie in drei Jahren erwachsen? Lightbody (lacht): «Keine Ahnung, ob Musiker jemals erwachsen werden. Wenn man einer Band beitritt, wird man nicht älter. Ich bin immer noch 18, nur mein Aussehen hat gelitten. Als wir Material für die Retrospektive "Up To Now" aussuchten, saßen wir da und waren total verzweifelt: "Was zur Hölle, wo kommen die Falten her?". Wir haben nicht mitbekommen, dass wir gealtert sind. Als ich vor dem Spiegel stand, war ich völlig baff. Wir verdammt faulen Mistkerle sind gealtert, wegen unserer gemeinsamen nächtlichen Freizeitaktivitäten. Aber vom Kopf her ist wohl nur unser Schlagzeuger Jonny erwachsen geworden. Er hält uns Jungs über Wasser. Wenn er nicht wäre, würde ich wahrscheinlich Schimpansen im Zoo angucken.» Wer Ihre Retrospektive hört und betrachtet, bekommt das Gefühl, dass das Tempo der Rocksongs von Album zu Album nachlässt, während die Welt sich immer schneller dreht. War das Absicht? Lightbody: «Nein, aber das stimmt, was mich jetzt echt verblüfft.» ...mit Ausnahme des letzten Albums, was wieder schneller war - und das gerade in der Wirtschaftskrise, als jeder den Fuß vom Gas nahm. Lightbody: «So sind wir nun mal, dass wir gegen die Zeit spielen und das machen, was gerade unpopulär ist. (lacht) Genau das haben wir schon immer gemacht.» Interview: Sebastian Döring, dpa |
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