Grenzenlos modern: Amerikas Folkmusik öffnet sich05.02.2010 14:02 Berlin - Mit Folk als «Klampfenmusik» im herkömmlichen Sinne haben Sean Ogilvie und Micah Rabwin aus der Indierock-Metropole Portland/Oregon nichts am Hut. Zwar beherrschen die beiden 30-Jährigen selbstverständlich ihre Akustikgitarren aus dem Effeff. Doch als zeitgemäße Vertreter des traditionsreichen Genres greifen sie auch auf unkonventionellere Instrumente zurück. Lässig integrieren sie auf ihrem Debüt-Album «Hold This Ghost» singende Säge, Akkordeon, Glockenspiel, Oboe und Uralt-Synthesizer zu einem luftig-filigranen Klangkunstwerk. Grenzenlose Offenheit prägt diverse herausragende Neuerscheinungen aus dem weiten Feld der nordamerikanischen Popmusik. Passend zum Winter vermitteln die Alben von Ogilvie/Rabwin alias Musée Mécanique, von Midlake aus Denton/Texas oder von Owen Pallett aus Toronto in Kanada wohltuende Wärme, die indes nichts mit harmloser Gemütlichkeit zu tun hat. Dafür sind Sounds und Arrangements zu ausgefuchst, gelegentlich bei aller Melodie-Seligkeit auch zu abenteuerlich. Mit oberflächlichem Anhören sind diese Neofolk-Entwürfe also im Wortsinne «nicht zu fassen». «Unsere Platte hätten wir nicht im sonnigen Kalifornien machen können, wo wir herkommen», sagt Sean Ogilvie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. «Diese Musik hat viel mit unserer neuen Heimat Portland im Nordwesten der USA zu tun. Mit dem Wetter dort, dem vielen Regen. Und mit unseren Erinnerungen an Kindertage, mit nostalgischen Gefühlen.» Entsprechend verträumt klingen Songs wie das schwerelose «The Propellors» oder das ergreifend schöne «Our Changing Skins» - zart, melancholisch, aber nie überzuckert oder kitschig: Musik als akustisches Pendant zu einer leicht vergilbten Postkarte aus der Vergangenheit. Zugleich hat der kreative Austausch in der Indiepop-Szene von Portland (Micah Rabwin: «Da kommt alle paar Wochen eine tolle neue Band raus») die Sinne der beiden Jugendfreunde für das musikalische Hier und Jetzt geschärft. So kommen auf «Hold This Ghost» neben Gitarren, Schlagzeug, Klavier, Cello und Bläsern auch elektronische Effekte und allerlei exotische Instrumente zum Einsatz. «Wir machen moderne Musik mit traditionellen Wurzeln», fasst Ogilvie das Konzept von Musée Mécanique zusammen. Die fünfköpfige Band reiht sich damit in eine wachsende US-Neofolk-Gemeinde mit innovativen Künstlern wie Fleet Foxes, Animal Collective oder Grizzly Bear ein. Zu den großen Talenten dieser Szene wird seit einigen Jahren auch das texanische Quintett Midlake gezählt. Mit dem neuen Album «The Courage Of Others» gehen sie nach ihrem Durchbruch mit raffiniert aufgefrischtem Westcoast-Rock anno 2006 jetzt in eine neue Richtung. Die Band um Sänger und Songschreiber Tim Smith transportiert diesmal den britischen Folk der 70er Jahre etwa von Nick Drake, Fairport Convention und Jethro Tull in die Gegenwart. Das hörenswerte Ergebnis: elf warmherzige Lieder, die von perfektem Harmoniegesang und dominanten Flöten vorangetrieben werden. Dass für moderne Folkmusik Gitarren beinahe überflüssig sein können, beweist der kanadische Sänger, Pianist und Geiger Owen Pallett. Mit virtuosen Arrangements für die Landsleute der Montrealer Band Arcade Fire oder die Pet Shop Boys, um nur die Bekanntesten zu nennen, gehört der 30-Jährige bereits seit längerem zur ersten Liga. Der dramatische Orchester-Folkpop des neuen Albums «Heartland» zeigt ihn nun auch als brillanten Songschreiber und Produzenten. Mit den Streichern der Tschechischen Symphoniker in Prag und einem Bläserensemble baut Pallett gewaltige Klangkathedralen, die geerdet durch behutsame Elektronik-Elemente ohne Klassikrock-Bombast und bisweilen ganz ohne Refrain daherkommen. Auch bei dieser ebenso experimentellen wie zugänglichen Musik ahnt man noch große Vorbilder: Die Beatles, Brian Wilson, Scott Walker oder der zeitgenössische Klassik-Komponist Philip Glass. Spätestens beim bittersüßen Walzer «E Is For Estranged» hört sich Palletts Album dann wie das avantgardistische Meisterwerk an, das dem amerikanischen Folk neue Wege öffnen kann. |
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