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Cole und Collins: Song-Veteranen in Hochform


09.09.2010 14:09

Berlin ­ Hängende Schultern, gesenkter Kopf, misstrauischer Blick: Auf Fotos zu seinem neuen Album entspricht Lloyd Cole ganz dem Klischee des skeptischen Singer/Songwriters.


Lloyd Cole

Lloyd Cole kann es immer noch. (Bild: Doug Seymour)

Auf «Broken Record» (Veröffentlichung 10. September) bezaubern wieder melancholische, verhangene Lieder, wie sie Cole seit seinen Anfängen mit den Commotions vor gut 25 Jahren aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Zum Strahlemann wird der 49-Jährige wohl nicht mehr werden, obwohl sein beeindruckendes Werk viel Anlass dazu böte.

«Es fällt mir leichter, einen traurigen Song zu schreiben als einen aufgekratzten», gibt der Brite im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zu. «Irgendjemand sagte mal: Wenn ich glücklich bin, dann sitze ich nicht beim Songschreiben, sondern gehe mit Freunden und Familie raus in die Sonne. Das trifft's doch.» Seine Karriere, die mit dem Einsame-Insel-Album «Rattlesnakes» fulminant begann und dann unspektakulär verlief, nennt er humorvoll einen «Absturz mit Anmut». Immerhin, so fügt der selbsternannte «Nischenkünstler» hinzu: «Es gibt nicht allzu viele Songs, für die ich mich schämen muss.»

In den Nullerjahren sah sich Cole als klassischen Folk-Sänger und stand auch bei Konzerten meist allein auf der Bühne. Vor einem Jahr verspürte er dann «eine unerwartete Sehnsucht» - nach einer echten Band. «Für das neue Album habe ich meine Lieblingsmusiker angerufen, und alle haben Ja gesagt», berichtet er noch immer leicht ungläubig. So halfen ihm die großartige Pianistin Joan Wasser und Bassistin Rainy Orteca vom Art-Pop-Projekt Joan As Police Woman sowie Lou Reeds Schlagzeuger Fred Maher und Keyboarder Blair Cowan.

Unter den Liedern von «Broken Record» sind einige der schönsten, die Cole je geschrieben hat ­ hervorragend arrangiert, wunderbar gesungen. Wehmütige Balladen wie «Why In The World?» oder «If I Were A Song» stehen neben anmutigem Gitarrenswing («Oh Genevieve»), einer Art Shanty («Man Overboard») und so manchem Stück Country-Pop mit Banjo, Mandoline, Mundharmonika und Steelguitar. «Eine Baby-Version von Bluegrass-Musik» nennt der Songwriter diese für ihn recht neue Klangfarbe. Irgendwo zwischen seinen Idolen Leonard Cohen, Bob Dylan und den Byrds lässt sich das Album musikalisch einordnen.

Cole hatte für «Broken Record» neben dem Label-Etat eine Art Fan-Vorschuss zur Verfügung. «Tatsächlich zahlten 1000 sehr progressive und vertrauensvolle Menschen 45 Dollar für die Deluxe-Version eines Albums, das noch nicht einmal aufgenommen war», beschreibt er den Prozess des Geldsammelns. Die Investoren werden nicht enttäuscht sein. Und die Pop-Kritik darf sich in ihrer Verehrung für den sympathischen Grummelkopf bestätigt fühlen. So kürte der deutsche «Rolling Stone» die neue Platte zum «Album des Monats» im September.

Als Lloyd Coles Karriere 1984 begann, war Edwyn Collins in der Britpop-Szene längst eine feste Größe als Sänger, Gitarrist und Songschreiber der soul-infizierten Gitarrenband Orange Juice. Nach dem Solo-Welthit «A Girl Like You» (1994) passierte nicht mehr allzu viel, bis das Schicksal 2005 brutal zuschlug: Collins erlitt zwei Schlaganfälle ­ er musste das Leben erst wieder ganz neu erlernen.

Nachdem Lebensgefährtin Grace Maxwell diese katastrophale Phase in einem bewegenden Porträt-Buch dokumentiert hat, kommt nun endlich wieder Musik von Edwyn Collins auf den Markt: «Losing Sleep» (Veröffentlichung 10. September) ist nicht nur angesichts des gesundheitlichen Absturzes ein tolles Album geworden. «Fast and quick and speedy», also temporeich in jeder Hinsicht sollte es sein, erzählt Collins ­ Gitarrenrock mit Schmackes.

Die hohe Wertschätzung für Collins lässt sich an der Gästeliste von «Losing Sleep» ablesen: Musiker angesagter Bands wie Franz Ferdinand, The Cribs und The Drums sind ebenso dabei wie die Britpop-Legenden Johnny Marr (The Smiths) und Roddy Frame (Aztec Camera). Sie bauen eine solide Bühne für Collins' Comeback. Hin und wieder hört sich die dunkle Stimme des 51-Jährigen noch etwas wacklig an, aber insgesamt schlägt er sich mehr als tapfer. Und wenn Collins im Lied «What Is My Role?» davon singt, dass man im Leben mal oben und dann wieder unten ist, hat diese Binsenweisheit aus dem Mund des großen Songwriters eine ganz eigene, sehr anrührende Bedeutung.

Lloyd Cole auf Deutschland-Tournee im November: 6.11. Hamburg, 7.11. Köln, 9.11. München, 11.11. Reutlingen, 12.11. Frankfurt/Main, 13.11. Bremen, 14.11. Berlin

 
 
Links zum Thema
Künstler-Informationen zu "Collins"
Künstler-Informationen zu "Cole"