Energisch und experimentell - Sting gibt Hamburger Fans Jugend zurück06.11.2004 12:11 Hamburg - Sting rockt. Auch mit 53 Jahren und nach drei Jahrzehnten im Musikbusiness kann er seine Fans noch restlos begeistern.
Aber es sind vor allem die alten Hits, die die Stimmung in der ausverkauften Hamburger Color Line Arena beim ersten Deutschlandkonzert seiner «Sacred Love Tour» richtig hochkochen lassen: Klassiker wie «Every Breath You Take» aus Police-Zeiten, «Roxanne» oder «Englishman in New York». Es dauert jedoch ein wenig, bis die Zuschauer aus sich herausgehen am Freitagabend - was auch daran liegen mag, dass der typische Sting-Fan kein Mensch der großen Emotionen ist: In der Menge wird genauso viel gekuschelt wie getanzt, und der Altersdurchschnitt liegt inzwischen eher über 40. Dieses Publikum muss erst entfesselt werden. Das schafft das optimistische «Brand New Day», Lied Nummer fünf, bei dem das erste Gefühl von Gemeinsamkeit im Saal aufkommt. Mit einer wuchtigen Jazz-Improvisation am Ende des eigentlich verträumten «I Was Brought To My Senses» bricht das Eis weiter. Und als schließlich bei der Ballade «Whenever I Call Your Name» die Background-Sängerin ein furioses Stimm-Feuerwerk zündet und den Chef in den Schatten stellt, ist es geschafft: Die Menge kocht. Sting macht es sich auch nicht leicht an diesem Novemberabend: Er legt mehr Gewicht auf Stücke aus seinem aktuellen Album «Sacred Love», das seine Fan-Gemeinde noch nicht so ins Herz geschlossen hat. Außerdem zeigt er sich durchaus experimentierfreudig: Ein jüngerer Schlagzeuger hat den alten Songs wieder mehr Biss gegeben, Sting lässt den Jazzer Chris Botti kräftig in die Trompete blasen oder ungewohnte Klavierklänge die Oberhand gewinnen, so dass man sich zuweilen eher in einer Jam-Session wähnt als in einem kuscheligen Sting-Konzert. Allerdings verströmt Sting immer noch eine geballte Ladung Energie. Mit dem von Disco-Beats getriebenen «Send Your Love» legt er gleich zu Beginn ordentlich los und sein schwarzes Sakko ab. Der Brite hat sich wie ein junger Rebell wieder lange Haare wachsen lassen und ist genauso fit und dürr wie eh und je. Seine typischen Luftsprünge aus alten Police-Zeiten zeugen von seiner Agilität. Dabei verzichtet Sting auf große Gesten und Showeffekte - kein Feuerwerk, keine bombastische Lichtshow lenken ab. Er konzentriert sich auf die Musik. Lediglich Videoleinwände illustrieren die Songs im Hintergrund: Bei «Roxanne» ist die Bühne in feuriges Rot getaucht, «Sacred Love» wird mit einem Striptease unterlegt und zu «Fragile» fallen gezeichnete Bomben auf Öltürme. Es liegt immer ein Hauch von Nostalgie und Herbst in der Luft bei Sting-Konzerten. Seine Fans, vornehmlich die Generation zwischen den 68ern und der Punk-Bewegung, kommen zu Sting auf der Suche nach ihrer Jugend, nach dem Lebensgefühl, zu dem seine Songs einst der Soundtrack waren. Aber genauso wie das Publikum auf Sting angewiesen ist, braucht auch er es. Seit mehr als 30 Jahren ist er fast ständig auf Tour, egal, ob es ihm gut oder schlecht geht, ob seiner Kinder geboren werden oder seine Eltern sterben. Es ist als wäre er ständig auf der Flucht vor sich selbst und nur auf der Bühne sicher, wenn er wieder einmal beweist, dass er immer noch Tausende dazu bringen kann, mit ihm «Roxa-a-ane-Oh» zu singen. Sting war nie ein Sex-Symbol wie Mick Jagger oder ein Mädchenschwarm wie Paul McCartney, sondern galt eher als der intellektuelle Rockstar - und so ist auch sein Publikum. Musik sei schon immer eine Therapie für ihn gewesen, sagte Sting einmal. Und wenn man erlebt, wie er ins Mikrofon brüllt oder den «Englishman» mit einer Pantomime unterlegt, in der Musik aufgeht und in der Liebe der Fans badet, weiß man, dass es auch heute noch so ist. |
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