Vom Acker in die Charts: Schüler landet Hit mit Rap über sein Dorf11.12.2004 13:12 Hamburg - Begonnen hat alles mit einem Jux - geworden ist daraus der Überraschungs-Hit des Musik-Herbstes. «Meine Kühe, meine Schafe, meine Hühner, meine Schweine ... geil», rappte Nils Gaudlitz am Computer im heimischen Wohnzimmer in ein billiges Mikrofon. Ein paar Wochen später war der 16-Jährige mit der Liebeserklärung an sein Heimatdorf Lütjensee in Schleswig-Holstein auf Platz acht der Zuschauer-Charts beim Musiksender MTV. Seither kommt der Waldorfschüler, der sein Stück «Mein Dorf» und sich selbst MC Jeremy nennt, vor lauter Fernsehauftritten und Fototerminen kaum noch zu den Hausaufgaben. «Das sollte nur ein Spaß sein. Jetzt hat sich alles etwas verselbstständigt», sagt Nils. Eigentlich wollte der schlaksige Junge mit den braunen Haaren nur eine ironische Antwort auf das Stück «Mein Block» geben, in dem Rap-Star Sido ein düsteres Porträt Berliner Ghettokultur zeichnet. «Hier hab ich Drogen, Freunde und Sex», heißt es bei Sido. Und «Hier ist es dreckig wie ne Nutte». Im rund 3000 Einwohner zählenden Lütjensee vor den Toren Hamburgs textete MC Jeremy darauf «Hier riecht es mal nach Raps, mal nach Kuhscheiße» und «Mein Dorf ist schon perfekt, hier lässt es sich gut leben». Ländliches Idyll statt Großstadtfrust. «Vielleicht hab' ich mein Dorf ein bisschen schöngeredet», meint Nils mit einem Schmunzeln. Vor einem Jahr hatte er mit dem Schreiben kurzer Rap-Texte begonnen, «Mein Dorf» war sein erster vollständiger Song. Nils mixte am Computer den Beat des Originals von Sido unter seinen Sprechgesang und verschickte das Erstlingswerk an Freunde. Kurz darauf tauchte das Stück in einem Internet-Forum auf. Dort entdeckte es der Berliner Produzent Sami Mansour, den alle nur Ben nennen, und machte sich sofort auf die Suche nach dem Rapper vom Land. Wenig später wurde eigens für MC Jeremy eine neue Plattenfirma mit dem passenden Namen Agrar Music gegründet. «Mein Dorf» wird im Tonstudio professionell neu aufgenommen, ein Videodreh arrangiert. Mit Latzhose und Cordhut posiert MC Jeremy für die Kameras und trifft mit unbeschwerten Zeilen wie «Hier vergisst man mal die Uhrzeit, es ist immer cool, hier badet man im See und nicht im Swimmingpool» einen Nerv. MTV-Zuschauer können von der Ode an Lütjensee nicht genug bekommen, wählen den Song mehrfach in die Top Ten der täglichen Charts. Auch im Radio läuft der Dorf-Rap pausenlos. Seither ist MC Jeremy im Popstar-Stress. Er plaudert mit Günther Jauch bei «Stern TV», Sido bittet zum Treffen in Berlin. «So habe ich mir das sicher nicht vorgestellt», sagt der 16-Jährige. Auch für die Eltern kam der schnelle Ruhm des Sohnes überraschend. Sie würden ihn zwar unterstützen, sagt Nils, mahnen ihn aber auch, die Schule nicht zu vernachlässigen. Für den Jungrapper, der jeden Tag nach Hamburg in die Waldorfschule fährt, kein Problem. «Die Lehrer meinen, ich sei in der letzten Zeit sogar besser geworden», versichert er. In drei Jahren will er seinen Abschluss machen, erst dann soll Musik die Hauptrolle in seinem Leben übernehmen. Die Fans von MC Jeremy müssen jedoch nicht so lange auf neue Reime warten. Jedes Wochenende steht der Musiker im Tonstudio, nimmt Lieder für ein geplantes Album auf. Auch an erste Live-Auftritte in Clubs will er sich bald heranwagen. Ein Umzug in Szene-Metropolen wie Hamburg oder Berlin kommt für Nils aber nicht in Frage. Getreu seinem Motto: «Immer schön auf'm Acker bleiben». |
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